Wie Lesben lieben

Sabine und Anne sind ein Paar, und sie leben wie viele Frauenpaare: Sie sind treu, haengen an ihrer Clique und gehen in Motorradstiefeln zum Tanztee.
Mit einer Wette hat fuer Sabine alles angefangen, in Selb, einer Kleinstadt an der tschechischen Grenze. Sie feierten den Geburtstag eines Schulfreundes, auch eine Lesbe aus Passau war angereist. Die liess Sabine den ganzen Abend nicht aus den Augen und bruestete sich: "Seht ihr diese 15-Jaehrige da vorn, mit den kurzen Haaren? Wetten, dass die auch 'betroffen' ist?" Und auf dem Heimweg, erzaehlt Sabine, "lag dann ploetzlich eine Hand auf meinem Knie". Schoen habe sie das gefunden, aufregend und richtig. "Damit war eigentlich alles klar", sagt Sabine.
Der eine Griff hatte ihr schlagartig eine Antwort auf viele unausgesprochene Fragen gegeben: Warum aus ihrer platonischen Freundschaft mit Matthias nie mehr geworden war, warum sie sich von Maedchen angezogen fuehlte, von Jungen aber nicht, warum sich ihre Pubertaet "so anders anfuehlte": Sabine Koenig ist lesbisch.
Und was bedeutet das fuer die junge Frau?
Ueber lesbisches Leben weiss die Gesellschaft wenig. Wenn ueber Homosexualitaet debattiert wird, geht es fast immer um schwule Maenner. Deren schillernde Barkultur, ihr ausschweifendes Liebesleben, ihr Jugendwahn und Koerperkult provozieren eine Auseinandersetzung mit dem anderen Lebensentwurf der "Tunten", "Schwuchteln", "Schwanzlutscher". Fuer lesbische Frauen gibt es nicht einmal ein ansehnliches Arsenal von Schimpfwoertern. Sie kommen im oeffentlichen Bewusstsein kaum vor. Und weil weibliche Homosexuell weder zu den HIV-Risikogruppen gehoeren noch als bedeutende Konsum-Klientel in Erscheinungtreten, wird ueber sie so gut wie nicht geforscht, nur selten geschrieben, ueberhaupt wenig nachgedacht. Dabei gibt es Grund, genauer hinzu-gucken, findet doch unter den Lesben gerade ein Generationswechsel statt.
Sabine, Jahrgang 1977, ist mit Alice Schwarzers "Kleinem Unterschied" aufgewachsen und hat Rosa von Praunheims "Outing-Kampagne" erlebt. Sie sah Hella von Sinnen mit Cornelia Scheel turteln und erlebte Maren Kroymanns Wandlung von der nicht weiter auffaelligen Serien-Schauspielerin zur selbstbewussten Promi-Lesbe.
Homosexualitaet ist selbstverstaendlicher geworden - dieses Wissen macht die jungen Frauen freier, selbstbewusster, unverkrampfter. Sie entdecken ihre Homosexualitaet deutlich frueher. Sie sparen sich zunehmend den Umweg ueber Maennerbekanntschaften, und sie suchenzielstrebig ihr Glueck in der Homo-Szene.
Ein paar Monate behielt Sabine ihre Erkenntnis fuer sich. Bis eine Mitspielerin aus ihrem Handballteam sie ansprach und erzaehlte, sie habe sich in eine Frau verliebt. "Da waren wir schon zwei, und nach und nach haben sich weitere Teamkolleginnen geoutet."
Sabine hat sich mit ihren Freundinnen nicht versteckt, aber damals auch nie ausdruecklich gesagt, dass sie lesbisch ist. Nicht einmal ihrer Mutter Ingeborg. Der fiel irgendwann auf, dass ihre Tochter, die nie einen Freund mit nach Hause gebracht hatte, regelmaessig Uebernachtungsbesuch von einer Studentin aus Berlin bekam. Als sich diese einmal sogar durch tiefsten Schnee den Weg zu ihnen ins Fichtelgebirge gebahnt hatte, fragte Ingeborg Koenig ihre Tochter: "Und das ist jetzt also deine grosse Liebe?" Ja, hat Sabine geantwortet. Damit war alles Noetige ausgesprochen.
Das alles ist jetzt sieben Jahre her. Sabine hat sich von der unerfahrenen Provinzlerin zur versierten Berliner Szenegaengerin entwickelt. Mit den raspelkurzen Haaren, ihrer 501-Jeans im Herrenschnitt und den schweren Motorradstiefeln ist die Geschichtsstudentin eine klassische "Butch", so nennen viele Lesben besonders selbstsichere, kernige Frauen. Gern hoert das Sabine nicht. Sie will nicht in Schubladen gedraengt werden.
Auch mit dem Polit-Feminismus der "Bewegungslesben" kann Sabine wenig anfangen. "Mit Grauen" erinnert sie sich an einen Besuch beim "Lesbenfruehlingstreffen", einer jaehrlich wiederkehrenden Grossveranstaltung. Ihre transsexuelle Freundin Amelie war dort unerwuenscht, weil sie als Hans-Christian auf die Welt gekommen ist.
Unfassbar fuer Sabine: "An diesen Frauen ist die Zeit einfach vorbeigegangen. Wie kann man Toleranz von der Gesellschaft fordern und selbst das beste Beispiel fuer Dogmatismus sein?"
In den Frauenzentren der 70er Jahre wurde ueber den Abtreibungsparagrafen 218 und ueber die Abgrenzung von den Maennern diskutiert, die Belange der juengeren Lesben gingen unter. Genervt wandten die sich Anfang der 80er ab und fanden Unterschlupf in der Schwulenszene. So entstand die "Flanellhemd-Fraktion": In demonstrativer Abkehr von den Feministinnen kopierten viele Lesben die damals modische Zeichensprache der schwulen Maenner. Nach Doppelaxt und Frauenzeichen wurden Cowboystiefel und Holzfaellerhemd, Zippo-Feuerzeuge und klobige Herrenarmbanduhren zu den Erkennungsmerkmalen lesbischer Subkultur.
"Mein Lebensgefuehl drueckt das nicht mehr aus", sagt Sabine. Jede Generation pflegt ihren eigenen lesbischen Look. In den vergangenen Jahren ist er subtiler, weicher und variantenreicher geworden.
"Inzwischen", erzaehlt Sabines Freundin Anne Lang, "kannst du dir durchaus die Augenbrauen zupfen und trotzdem Stahlkappenschuhe tragen." Grundsaetzliche Gemeinsamkeiten mit den Aelteren gibt es dennoch: kurze Haare, strenge Hosenformen, flache Absaetze und ungeschminkte Lippen. Die auf den ersten Blick unscheinbare lesbische Optik ist eine Form stolz verhuellter Weiblichkeit.
Maenner sollen sich von ihr nicht angezogen fuehlen, Frauen die Reize dennoch entdecken, Lesben sich untereinander leichter erkennen. Das Spiel mit maennlichen Attributen ist fuer Lesben ein koerperbewusstes, erotisch anziehendes Signal.
Auf Aussenstehende wirkt es oft herb, unerotisch und vor allem verwirrend. Immer wieder wird Sabine Koenig auf der Damentoilette beschimpft, weil man sie fuer einen verirrten Mann haelt. "So was nervt." Aber sie hat ein dickes Fell. Als sie am Alexanderplatz mit ihrer Freundin Arm in Arm ging, bruellten ihnen Kerle aus einem Auto hinterher, sie gehoerten "mal richtig durchgevoegelt". Das beruehre sie nicht, sagt Sabine.
Die Studentin lebt mit Achim, einem Hetero-Mann, den sie noch aus ihrer Heimatstadt kennt, in einer Wohngemeinschaft. Mit ihm und seinen Freunden geht sie oefter mal einen trinken, zum Baden oder in eine Ausstellung. "Angebaggert werde ich dabei selten", sagt sie. "Ich bin den meisten wohl zu gross, zu duenn, zu kurzhaarig." Und wenn doch, dann erzaehlt sie irgendwann von ihrer Freundin, und die Maenner stellen ploetzlich ganz andere, neugierige Fragen ueber ihr Leben.
Wenn Sabine eine Frau attraktiv findet, versucht sie Blickkontakt aufzunehmen. Hetero-Frauen, so Sabine, beachten sie kaum. Lesben dagegen schauen interessierter zurueck, laecheln vielleicht sogar, und dann funkt es - sie haben sich gegenseitig erkannt. "Ich geniesse das", sagt Sabine, "Das gibt mir ein Gefuehl von Familie."
In ihrem Stadtteil Schoeneberg leben viele Homosexuelle. Doch das Szene-Angebot speziell fuer Lesben ist selbst in der HomoMetropole Berlin duerftig - die Kneipen und Bars halten sich einfach nicht. Gastronominnen beklagen immer wieder, dass Lesben weniger konsumieren und knauseriger sind als Schwule. Homosexuelle Frauen gehen nicht so oft aus. Wenn sich zwei Frauen gefunden haben, ziehen sie sich haeufig aus dem Szeneleben zurueck. Einige Clubs bieten vergnuegungswilligen Lesben ab und an Unterschlupf. Die Party-Nacht "Diven Attacks" zum Beispiel steigt jeden zweiten Samstag in der Hetero-Location "Kalkscheune". Jeden Sonntag gibt es fuer Sabine einen festen Termin: Das "Café Fatal", einen Tanztee fuer Schwule und Lesben im Kreuzberger Kieztreff "SO 36". Hier tanzen Frauen mit Stahlkappenschuhen oder schweren Stiefeln Tango und langsamen Walzer. Und hier treffen sich Sabine und ihre Freundin Anne mit ihrer "lesbischen Familie", einer festen Clique von Frauen, die auch auf so einer oeffentlichen Veranstaltung unter sich bleibt.
Die lesbische Gemeinschaft organisiert sich in stabilen Freundeskreisen. "Wie wichtig die sind, merkst du erst, wenn deine Beziehung in die Brueche gegangen ist und du ganz von vorn anfangen musst", sagt Anne. Bei ihrer letzten Trennung verlor sie mit ihrer Freundin auch die Clique, mit der sie Woche fuer Woche zumTanztee gegangen war.
Seit Anne mit Sabine zusammen ist, gehoert die 33-Jaehrige zu deren Wahlfamilie. Mit Daniela, der BWL-Studentin, die in Holzfaellerhemd und ausgewaschenen Jeans kein Klischee auslaesst. Mit Christinchen, die mit ihrer femininen Ausstrahlung ausserhalb der Szene kaum als Lesbe durchgehen wuerde. Und auch mit Iris, die ihr Zippo schneller als der Wind zueckt, wenn sie einer Frau Feuer geben kann. Keine von ihnen wuerde bei der Tanz-Party einfach so eine Fremde ansprechen.
Um eine interessante Frau wirklich kennen zu lernen, muss man sie an anderer Stelle wieder treffen, in Tanzkursen, lesbischen Sportvereinen oder am besten privat im Freundeskreis.
Ohne eine Bezugsgruppe geht fast nichts. Anonymen Sex in Kneipenhinterzimmern gibt es nur fuer Schwule, Lesben lieben so nicht.
"In Lesbenbeziehungen", erlaeutert Karin Mueller von der Berliner Lesbenberatung, steht Emotionalitaet oft an erster Stelle, noch vor der Sexualitaet. Der Wunsch nach Monogamie ist groesser als bei Schwulen, auch deshalb lassen sie sich seltener auf Seitenspruenge ein." Die "typisch weiblichen" Sehnsuechte nach Harmonie, Nestwaerme und Zweisamkeit wirken doppelt. Fuer eine fluechtige Affaere oder einen One-Night-Stand wuerde kaum eine lesbische Frau ihre Partnerschaft riskieren.
Bis zwei Frauen zueinander finden, kann einige Zeit verstreichen. "Sehr viele Lesben schwanken zwischen den Wuenschen nach Naehe und Distanz", sagt Sabine. "Sie haben Angst, sich auf eine Beziehung einzulassen, aus der sie dann nicht mehr herauskommen."
Schon im Winter hatten sich Anne und Sabine beim "Café Fatal" beaeugt und anziehend gefunden, irgendwann waren sie einander sogar von ihrer gemeinsamen Bekannten Daniela vorgestellt worden. "Ich mag Frauen mit Muckis und kurzen Haaren", sagt Sabine, "aber auf Aeusserlichkeiten achte ich erst spaeter. Wichtiger war, dass Anne ein kluger Kopf ist und ich mich gut mit ihr unterhalten konnte."
So richtig gefunkt hat es erst nach Monaten beim Christopher-Street-Day, der Lesben- und-Schwulen-Parade im Juni. Unter den Hunderttausenden trafen sich die beiden wieder. "Es war am Mottowagen der Tanzschule 'Walzer links gestrickt'", sagt Sabine, "ich sah Anne und wunderte mich, wie sehr ich mich ueber das Wiedersehen gefreut habe." Das war der entscheidende Moment, erinnert sich auch Anne: "Wir hatten uns gefunden, und keine von uns wollte die andere wieder loslassen."
Zum lesbischen Sex gehoert Vertrautheit. Eine Missionarsstellung gibt es nicht. Und zwei Lesben haben nicht automatisch die gleichen Wuensche, nur weil sich zwei Frauenkoerper begegnen. Ob sie lieber mit dem Mund beruehrt werden moechte statt mit dem Finger, es lieber hart mag als kuschelig oder gar auf Dildos abfaehrt? "Solche Fragen klaerst du einfach nicht in der ersten Nacht", sagt Anne.
Immerhin sind einige Tabus gefallen. Vor zehn Jahren wurden Dildos auf der Berliner Lesbenwoche noch hinter einem dicken Vorhang verkauft. Penetration galt als maennlicher Sex und war tabu. Heute offeriert das "Lesbenkaufhaus", eine Versandhandlung in Stuttgart, ein reichhaltiges Sortiment an Sex-Spielzeugen. Weil Lesben Dildos und Vibratoren bevorzugen, die nicht wie ein Penis aussehen, hat ein Schwarm bunter Gummi-Delfine Karriere gemacht. "Inzwischen geht viel", sagt Anne, "aber nur wenig sofort."
Sex mit Maennern bleibt fuer die meisten allerdings weiterhin ausgeschlossen. "Bei aller Liebe - aber das kann ich mir nicht vorstellen", ergaenzt Barbara, Sabines Ex und engste Freundin. Dabei ist sie eine der wenigen Lesben in Sabines Bekanntenkreis, die mal was mit Maennern hatten, lange im Wechsel mit Frauen. Erst seit sie sich Hals ueber Kopf in Sabine verliebte, sieht sie keinen Weg mehr zurueck: "Da habe ich mich zum ersten Mal so richtig rund gefuehlt." Aber auch hier haben sich die Fronten aufgeweicht. Bisexualitaet ist kein Tabu mehr. "Viele wollen sich einfach nicht so festlegen", sagt Sabine. "Sie gehen halt nach ihrem Gefuehl."
Maennerbekanntschaften werden besonders interessant, wenn sich ein Paar Kinder wuenscht. Fast jede lesbische Frau jenseits der 30 hat die Wege dahin schon einmal im Geiste durchgespielt: Samenbanken in den Niederlanden, in England oder den USA, die auch lesbischen Kundinnen offen stehen - aber das kostet sehr viel Geld. Die zweite Methode ist ein namenloser Flirt in einer Discothek - das kostet Lesben grosse Ueberwindung, klappt nicht unbedingt beim ersten Mal und ist auch nicht gerade safe. Es bleiben der beste Freund - und eine Einwegspritze. Eine Sache des Vertrauens. Denn vor dem Gesetz gilt der Samenspender als Vater. Das schafft Misstrauen auf beiden Seiten: Die Mutter kann Unterhalt einklagen, der Vater sein Besuchsrecht.
Fuer Sabine ist dieser "Bayby-Boom" bisher kaum mehr als ein launiges Picknick-Thema. Auch fuer die Homo-Ehe sieht sie derzeit keinen persoenlichen Bedarf: "Spaeter aendert sich das vielleicht." Bis auf weiteres versteht Sabine unter Familienplanung vor allem, ihr munteres Trueppchen von Freundinnen zusammenzuhalten. Einmal hat sie sogar eine heterosexuelle Freundin ueberredet, mit zum Tanztee zu gehen. "Das hat der gar nicht gefallen", erzaehlt Sabine. Sie fuehlte sich, so umringt von Schwulen und Lesben, richtig unwohl. Immerhin habe ihre Freundin dabei viel ueber Sabines Lebenswelt gelernt: "Was die Hetera da fuer ein paar Stunden gefuehlt hat, erlebe ich - bei umgekehrten Rollen - fast jeden Tag."

Stern-Artikel Oktober oder September 2000