Tina

Hier berichtet Tina(Name auf Wunsch geändert) aus Dresden darüber, wie sie das Hochwasser in ihrer Stadt erlebt.
Gleichzeitig möchten wir euch um Spenden für die Hochwassergeschädigten bitten, Spendenkonten:
Deutsches Rotes Kreuz, Kennwort:"Nachbarn in Not", Bank für Sozialwirtschaft, Kto. 41 41 41, BLZ 370 205 00, oder
Caritas Intern. Freiburg, Kennwort "Flut", Bank für Sozialwirtschaft, Kto. 202 BLZ 660 205 00.

Wie alles begann ...

Es ist Montag, der 13. August 2002 und ich bin vorübergehend bei einer Freundin eingezogen, um in aller Ruhe zu arbeiten. Gestern hat es begonnen zu regnen. Nur, dass es nicht einfach regnet. Es schüttet wie aus Kübeln. Solchen Regen kenne ich schon, aber normalerweise regnet es in solcher Stärke höchstens eine halbe Stunde. Jetzt regnet es schon die ganze Nacht über. Na ja. ist ja auch ganz spannend. Mal sehen, wieviel Wasser der Himmel noch in petto hat.
Ungefähr gegen Mittag klingelt es an der Tür. Ich gehe ziemlich verstört nach draußen. Die Sprechanlage funktioniert nicht und außerdem ist doch um die Zeit eigentlich keiner da!!!??? Na ja, als ich nach draußen gehe, stehen schon allerhand andere Leute auf dem Flur und es geht die Nachricht um: "Der Keller steht unter Wasser, vielleicht ist es gut, wenn Sie alles Wichtige retten!!"

Ich gehe also in den Keller. Da steht das Wasser an manchen Stellen knöchelhoch. Im Keller meiner Freundin werden langsam die Kartons von PC, Weihnachtssachen und Umzug naß. "So ein scheiß, auch das noch", denke ich. Leider habe ich keinen Schlüssel und kann nichts retten. Kleine Frau, was nun ...
Ich rufe also meine Freundin an.
0162 ...
"Hallo, sag mal, hast du noch einen Schlüssel vom Keller deiner Wohnung? Da steht alles im Wasser und ich würde gern deine Kartons retten."
"Scheiße, auch das noch ... Nein, ich habe keine Zweitschlüssel. Ich versuche so bald wie möglich kurz nach Hause zu kommen."

Was weiter geschah, kann sich wohl jeder denken. Ich bekam den Schlüssel und habe notdürftig den Keller leergeräumt. Als ich fertig war, klebte ein Zettel an der Treppe. Um größere Schäden zu vermeiden, könnte es sein, dass der Strom und die Heizung abgestellt würden, wenn das Wasser im Keller weiter steigt.
Tja, und das Wasser stieg ...
Wir saßen also am Abend im Dunkeln, ohne Fernsehen, Radio und heißes Wasser.

Dienstag, 13. August 2002

Gegen 11:00 Uhr am nächsten Morgen fließt wieder Strom und ich erfahre endlich wieder, was in meiner Umgebung los ist. Erst hört es auf zu regnen, dann nieselt es und dann regnet es wieder stark. Man weiß den ganzen Tag nicht, wann es endlich aufhört.

Inzwischen ist der Keller wieder trocken und ich denke, die Lage entspannt sich langsam. Doch so schnell irrt man sich. Wie der Tag weiterging, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich zu Hause saß und wartete.
Dann kam ein Anruf. "Wir müssen die Wohnung ausräumen." Freunde von uns sind im Urlaub und haben eine Kellerwohnung in Dresden. Hundert Meter vor dem Haus stand inzwischen das Wasser. Also fahren wir los. Da gibt es das erste Problem.
Wie kommen wir da hin. Es fahren keine Straßenbahnen. Niemand weiß, welche Straßen befahrbar sind. Wir fahren also mit dem Auto los und umfahren das Wasser so gut wir können. Als wir am Großen Garten ankommen, sehen wir nur noch einen Teich. Jemand sagt: "Das ist wohl der "Große Gartenteich"."
"Haha". Recht hat er. Ich frage mich nur, ob ich darüber lachen darf. Aber eigentlich ist es lustig. Man sieht, wie Kinder dort "baden", wo sie sonst skaten oder Rad fahren. Hin- und hergerissen zwischen Katastrophentourismus und Betroffenheit endet auch dieser Tag. Es ist auch nur einer von vielen und ich bin gespannt, aber auch beängstigt, was wohl noch kommen wird.

Mittwoch, 14. August 2002

Ein neuer Tag.
Endlich. Es regnet nicht mehr. Manchmal sieht man sogar blaue Fleckchen im ansonsten hellgrauen Himmel.

Ob sich die Lage heute wohl entspannt? Keiner weiß es. Wir können nur hoffen, aber im Fernsehen und Radio sprechen sie von einer neuen Flutwelle, die aus Tschechien kommen soll. Große Scheiße. Langsam habe ich Sehnsucht nach meiner eigenen Wohnung und möchte nach Hause. Meine Freundin hat heute frei, weil ihr Arbeitsplatz geflutet ist und keiner weiß, wie hoch das Wasser noch steigt.

Ich fahre also nach Hause. Dort ist alles wie immer. Jetzt weiß ich, dass ich meine nächste Wohnung nicht nur nach Ausstattung sondern auch nach Nähe und Höhenunterschied zur Elbe aussuchen werde.
Mein Stadtteil ist nicht das Ziel aller meiner Träume in Dresden, aber er ist immerhin trocken. Als ich den Fernseher anschalte, bekomme ich den nächsten Schock: Nur Ameisenkrieg. Ich bastele mir als erstes eine provisorische Antenne. Ich muß ja wenigstens wissen, ob es noch mal besser oder etwa noch schlimmer wird. Und ich schaffe es sogar. Ich kann ARD empfangen, mein absolutes Wunschprogramm!!!!!!

Auch dieser Tag vergeht und die Lage entspannt sich langsam in Dresden. Aber eben nur für den Moment. Gegen Abend ziehe ich los, um den Urlaubsfilm in meiner Kamera endlich voll zu kriegen. Ja. ich bin auch ein Katastrophentourist und ich fühle mich nicht mal schlecht dabei. Schließlich wird's ja langsam besser. Außerdem habe ich noch so einige andere gute Begründungen, warum es richtig ist, jetzt zu fotografieren:
1. Der Film muß voll werden.
2. Ich wollte schon immer ein ganz bestimmtes "Hochwasserfoto" machen. Schließlich gibt es ja mindestens zwei mal im Jahr einen zu hohen Wasserstand.
3. Wenn ich hier schon lebe, muß ich doch auch Fotos machen. Schließlich werden mich meine Enkel fragen, wie das war, als die "Jahrhundertflut" kam. (Die inzwischen schon "Jahrtausendflut" genannt wird.)
4. Und außerdem brauche ich Geld und meine Bank ist in der Innenstadt.
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Ich steige also in die Straßenbahn und lasse mich zur Elbe kutschieren. Je näher man der Elbe kommt, um so mehr Menschen rennen rum. Bewaffnet mit Schirm, ohne Charme und mit Fotoapparaten und Videogeräten machen sie sich auf den Weg zum Wasser.
Im Fernsehen sagt einer: "Das ist ein Eldorado für Fotografen und Vidioten." Oh wie war! Aber ich bin ja auch einer von denen ... Nur, dass ich versuche , meinen Fotoapparat so gut es geht im Rucksack zu verstecken.
Als ich am Elbufer entlang laufe, denke ich mir: Na ja vielleicht haben wir Glück und den Höhepunkt schon überschritten. Man kennt das ja. Es wird Panik gemacht und vom Schlimmsten ausgegangen und dann kommt es gar nicht so schlimm. Das ist die Hoffnung, die mich - abgesehen von meiner Gier nach Katastrophe - noch treibt.
Ich laufe also an der Elbe entlang und mache hier und da ein Foto. Dann überquere ich die nächste Elbbrücke und mache mich auf den Weg in die Innenstadt. An der Polizeiwache schlichten Helfer Sandsäcke vor die Kellerfenster. Am Pirnaischen Platz versuchen drei Hilfstrupps das Wasser aus der Straßenunterführung zu pumpen. Aus der Unterführung raus und zurück in die Kanalisation bzw. auf die Straße. Ich gehe weiter. Beim ersten Laden steht die Tür auf.
Drinnen hängt ein Zettel. "Heute geschlossen"
Ein Haus weiter: Sandsäcke und ein Zettel: "Wegen Stromausfall bleibt unser Geschäft bis auf Weiteres geschlossen.
Sandsäcke: "Wegen Havarie ..."
So geht es vom Pirnaischen Platz bis zur Prager Straße. Als ich die Sandsäcke vor dem nach der Wende neu gebauten Karstadt sehe, reicht's mir - zumindest für den Moment. Ich laufe zurück zum Pirnaischen Platz, wo noch Busse fahren. Dort steige ich ein und lasse mich zur VW-Manufaktur kutschieren, von wo aus ich wieder in Richtung Elbe und dann nach Hause fahren will.
An der nächsten Haltestelle steigt ein ca. 35 jähriger Mann mit einem Hund ein und stellt sich ganz vorn hin. Daraufhin sagt der Busfahrer, der wahrscheinlich schon den ganzen Tag mit überfülltem Bus durch die Stadt fährt, das er dort nicht stehen könne. Zugegeben, er war nicht grade freundlich, aber wem liegen denn hier nicht die Nerven blank? Der Typ sagt, dass ja nirgends mehr Platz ist und er will ja schließlich auch wo stehen. Da erklärt ihm der Busfahrer etwas gereizt, aber dennoch sehr detailreich, daß er nichts sehen könne, wenn er die Vorfahrt von rechts beachten muss. Er wolle ja nicht in sein Gesicht, sondern den Verkehr sehen.
Jetzt versteht der Typ endlich, bewegt sich vom Fenster weg und fängt an zu schimpfen. Dass kann das ja auch freundlicher sagen könnte, dass ja hier keiner weiß, wann irgendwas fährt, immer alle Busse überfüllt wären und überhaupt ... Der Busfahrer macht eine "blablabla" und denkt wahrscheinlich: "Du Assi halt's Maul!"
Jetzt steht er neben mir und er riecht etwas eigentümlich. Na ja, so wie die meisten, die mit Hund und ohne Maulkorb in Bus und Bahn stehen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Nerven liegen blank.

Dann steigen Touristen ein, die wissen wollen, wie sie nach Bühlau kommen. Ich denke mir: "Die sollen gefälligst nach Hause fahren und in 10 Jahren wiederkommen." (Nein ich gebe zu das mit den 10 Jahren kommt mir erst jetzt in den Sinn, wo man langsam sieht, daß alle Arbeit der letzten 10 Jahre wohl umsonst war.)
Ich fahre mit der Straßenbahn von der VW-Manufaktur am Straßburger Platz in Richtung Elbe. Dort steige ich aus und mache die gleiche Entdeckung wie schon 1,5 Stunden zu vor. Je näher man kommt, um so mehr Menschen - und ich mittendrin. Langsam wird mein von Anfang an vorhandenes schlechtes Gewissen immer lauter. Aber nichts desto trotz mache ich nun doch noch mein "Hochwasserfoto".

Nun bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Katastrophentour und steige in die Straßenbahn nach Hause. Es ist die einzige Linie, die noch bzw. wieder regulär fährt.
Den Rest des Tages verbringe ich vor dem Fernseher. Nehme die Katastrophenbilder im Fernsehen auf und ärgere mich, dass ständig veraltete Nachrichten gebracht werden. Am Ende des Tages steht der Pegel der Elbe bei 7,00 Metern.

Donnerstag, 15. August 2002

Ich wache gegen 7:00 Uhr auf und stelle fest, daß es wohl ein sonniger Tag wird. Es könnte ein wunderschöner, sonniger Spätsommertag werden. Doch es dauert nicht lange, da höre ich auch schon die ersten Sirenen und Hubschrauber.
Ja, ich bin immer noch im überfluteten Dresden und es war auch kein Traum. Ein neuer Tag voller Fernsehen, Radio, Wasser und was sonst noch kommt, wird sich zeigen.
Ich schalte den Fernseher ein und hoffe, ich schaffe vielleicht was für meine Hausarbeit. Man muß ja mal wieder zur Normalität zurückkehren. Als ich auf die Toilette gehe, stelle ich fest, daß ich wohl auch zum Hamsterkäufer werden muß: das Klopapier ist alle. Tja, man hat halt immer noch dieselben Bedürfnisse wie immer. Der nächste Weg führt in die Küche.
Oh, ich habe ja auch kein Brot. Doch im Tiefkühlschrank gibt es noch ein Brötchen. Ich schneide es in Scheiben und toaste es. Da habe ich doch ein fürstliches Mahl. Nach dem Frühstück mache ich mich also auf den Weg zu "Brutto", um zu hamstern. Dort gibt es noch alles. Es ist wie immer, kein Anzeichen für Hamsterkäufe, Katastrophe oder Ausnahmezustand. Ich kaufe also ein und schleppe meinen Rucksack nach Hause. Wohl doch hamstergekauft???? Na ja, ich geh so ungern einkaufen, wenn´s denn unbedingt sein muß, dann eben richtig.
Gut, ich bin nun also versorgt. Dann muss ich mich nur noch mit den neuesten Nachrichten eindecken. Also Fernseher an! Da befällt mich der erste Wahnsinnsanfall. Ich sehe die Bilder, die ich schon gestern gesehen habe. Ganze Sendungen werden wiederholt, ohne einen Hinweis darauf, daß es Wiederholungen sind. Wenn ich das nicht schon alles gesehen hätte, würde ich meinen, dass es gerade so passiert. Dabei sind die Stadtteile, die da als Katastrophengebiet deklariert werden schon längst wieder trocken. Und man warnt vor der Flut, die seit zwei Tagen immer wieder verschoben wird.
Nur, wo ist der Sender, der die richtigen Nachrichten bringt? Ich schalte den Fernseher aus und das Radio an. Dort scheinen die News neuer zu sein. Es werden aktuelle Pegelstände durchgesagt, die realistisch sind und Hotlines durchgegeben, bei denen man Treffpunkte zum Sandsackfüllen erfahren kann.

11:30 Uhr Pegelstand 7,95 m

Ich schlage das Buch auf: "Zwischen sozialer Bewegung und kirchlichem Arbeitsfeld - Annäherungen an die Offene Jugend(-)Arbeit". Ich lese, aber was ich lese, kann ich nicht verstehen. Inzwischen ist es Mittag und man hört noch immer Sirenen und Hubschrauber. Ich mache mich also auf den Weg zum Sandsäcke füllen.

11:43 Uhr Pegelstand 8,05 m

Etwas orientierungslos stehe ich mit meinem Fahrrad auf der Straße, wo der Treffpunkt sein soll. Einmal links, einmal rechts. Ja, dort stehen jede Menge Autos und Fahrräder. Das wird es wohl sein. Und tatsächlich, hier stehen dutzende Laster und hunderte Menschen vor zwei kleinen Sandbergen und noch weniger Säcken.
Was ist sonst noch so los? Zur gleichen Zeit ist bei Chemnitz Stau auf der Autobahn. Die Autofahrer stehen rum und warten. Von hinten kommen 500 Rettungsfahrzeuge aus Bayern, nur dass sie nicht durchkommen. Der gemeine Autofahrer steht und guckt dumm. Ach ja, und in Dresden wartet man auf die Fahrzeuge, da werden ja Krankenhäuser evakuiert. Aber das ist ja egal. Ca. 2 Stunden lang wird in den Verkehrsnachrichten im Radio durchgesagt, daß eine Rettungsgasse gebildet werden soll.

Die meisten Sandsackfüller sitzen irgendwo rum und trinken - von wem auch immer gesponserte - Cola. Aber nein, sie sehen schon sehr sandig aus, haben also eine Pause verdient. Inzwischen hört man Sirenen und mehrere Konvois mit Krankenwagen kommen von der Autobahn. Ich versuche mich dann in die Nähe des Sandes zu drängen und schnappe mir einen leeren Sack. Zwei Säcke gefüllt, schon sind sie alle. Es dauert eine Weile, aber da kommt einer mit einem riesigen Stapel "Brutto"-Beutel. Neben mir meint einer: "Baumarkt hatten wir schon, jetzt Supermarkt. Was kommt denn dann?" Nichtsdestotrotz sind die Tüten klasse. Sie können nicht so voll gemacht werden, werden also auch nicht so schwer. Ich öffne, halte hin und gebe volle Tüten weiter. Nach 10 Minuten beginnt sich mein Rücken zu melden. Ich dachte immer, ich hätte mein Leben noch vor mir. Aber jetzt weiß ich ungefähr, wie's meinem Vater immer geht.
Mit der Zeit werden es immer mehr Menschen. Es werden auch Säcke geliefert und wir füllen. Etwas später mache ich mich auf die Suche nach etwas trinkbarem. Als ich etwas gefunden habe, kommt ein neuer Sand-LKW. Ich will mich wieder einreihen und stelle fest: Es ist wie am Wühltisch (wo ich natürlich noch nie war). Einmal den Platz freigegeben, kommt man nicht mehr ran. Also mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause.

Und dort???
Na was wohl, ich schalte den Fernseher an. Und ich zappe noch mal durch. Da komme ich bei N25 und N-DV an. Die Nachrichten sehen seriöser aus, aber es dauert nicht lange, bis ich merke, dass dort Bilder von der Weißeritz für was auch immer verkauft werden. Die Einblendungen, am untern Bildrand verändern sich auch in 12 Stunden kein bisschen. Aber beim Weiterschalten entdecke ich, dass unser Stadtversehen endlich wieder ein anderes Bild sendet als "Bild- und Tonausfall im Bereich Dresden"
Da steht "Sondersendung zur aktuellen Situation um 14:00 Uhr" Na da bin ich ja gespannt, was die wohl senden.

14:00 Uhr:

Neueste Nachrichten, die letzten Pegelstände und dann ... Die Bilder vom überfluteten Bahnhof. Der ist schon seit zwei Tagen wieder trocken. Aber hier gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied. Am rechten oberen Bildrand steht: "Dienstag, der 13. August 2002" Endlich habe ich meinen Sender gefunden. Hier werde ich wohl stündlich mal reinschauen.

Laubegast ist eine Insel! Die Elbe 300 m breit.
Und der Elbpegel steigt.

Ansonsten verläuft der Nachmittag ruhig. Ich schaue immer mal in meinen e-mail-Briefkasten. Da kommt eine Mail, die gar nicht durchkommen will. Entweder ist die Leitung verstopft oder die Mail zu groß. Dann frage ich mich auch mal kurz, ob das wohl ein Virus sein könnte. Das hätte mir gerade noch gefehlt.
So jetzt ist sie durch. Hintergrund - Wasser; Schrift - hellblau, darunter Bilder aus Dresden. Ich kann es nicht fassen. Der schickt tatsächlich die Bilder an die Leute, die schon lange nicht mehr aktuell sind. Genau, wie auch die Fernsehstationen. Scheiß Sensationsgier. Ich bin ja so wütend.

16:00 Uhr Pegelstand 8,35 m

Inzwischen wird gemeldet, daß der Höchststand evtl. nicht nur 8,50 m sondern sogar 9 m werden soll.
Da klingelt das Telefon. Ein Freund ruft an, er erkundigt sich nach der Situation. Schön, dass jemand an mich denkt. Aber ich glaube, zur Zeit denken wohl alle Freunde an uns. Später klingelt es wieder. Es ist eine Bekannte, die sich auch so ihre Gedanken gemacht hat. Wir schwatzen eine Weile und ich erzähle, wie ich die Sache so sehe.

Der Damm des Gohliser Rückhaltebecken hält nur noch mühevoll, zum Glück ist der Stadtteil schon leer.
Und der Elbpegel steigt.

Da kommt im Fernsehen, wie die Zufahrtstraßen zum Flughafen nicht frei sind, dass die Rettungsfahrzeuge nicht durchkommen. Ich kenne die Straße, sie ist ungefähr 3,5 km Luftlinie vom Flughafen entfernt.
Und so vergeht der Tag. Ich höre neue Pegelstände und überlege die ganze Zeit, ob ich mich noch mal auf den Weg mache. Der Film ist voll und ich habe nur noch einen Schwarz-Weiß-Film. Nein, den hebe ich mir für Porträts auf. Ich bleibe also zu Hause.

17:00 Uhr. Bilder vom Terassenufer. Hier stapeln Freiwillige Sandsäcke und 3 Meter höher auf der Brühlschen Terasse stehen Touristen, die gaffen und ihre Fotoapparate und Videos heiß laufen lassen.
Und der Elbpegel steigt weiter. (Jetzt sind die Pegelmesser ausgefallen und alle neuen Zahlen sind Schätzwerte)

Später zeigt man mal wieder den überfluteten Bahnhof im Fernsehen. Ich hatte schon erwähnt, dass der schon lange wieder trocken ist?
Und dann kommt noch eine e-mail mit den "neuesten" Bildern aus Dresden: Natürlich, was wohl? Der überflutete Bahnhof. Ich raste aus und schreibe ihm, daß er das gefälligst lassen soll. Später ruft er dann auch noch an und erkundigt sich nach meinem Befinden. Und was tue ich? Ich raste wieder aus und motze ihn voll. Er hört sich an, als würde er gleich heulen. Na ja, er erklärt mir, wieso er das gemacht hat und seine Erklärung ist ganz plausibel. Trotzdem ärgert's mich. Jedenfalls bekomme ich diese Mails jetzt wohl nicht mehr.

Und der Elbpegel steigt.

20:00 Uhr: Jetzt werden 20 000 Menschen in Pirna und Heidenau evakuiert.

Und die Elbe steigt.

Inzwischen ist es 21:20 Uhr. Ich höre noch immer Sirenen und bin betroffen.
Ich habe bei Weitem nicht alles erzählt. Und sicher werde ich wieder und wieder erzählen, fernsehen und warten.
Es ist wie im Krieg, es ist eine Katastrophe und doch hat es etwas Faszinierendes, dabei zu sein.

Freitag 16.08.02

Jeden Morgen gehe ich zum Briefkasten um die "Notausgabe" der Sächsischen Zeitung zu holen. Nachdem ich erst traurig war, als es keine Zeitung gab und gierig auf jedes Bild, jede Geschichte, überblättere ich die Flutberichte inzwischen. Die Bilder sehen alle gleich aus und in den Artikeln steht auch meistens nichts Neues. Es ist allerdings sehr spannend, welcher Politiker wohl gestern noch Gummistiefel im Keller und den Weg ins Wasser gefunden hat. Es fehlt nur noch, daß sie sich ihr Wahlkampfprogramm auf die Stiefel meißeln.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mache ich mich ca. 9:30 Uhr auf den Weg, um einzukaufen und meinen ersten "Katastrophenfilm" abzugeben. Ich fahre also mit dem Rad los. Es dauert nicht lange, da komme ich schon an das erste Haus, aus dem Wasser herausgepumpt wird. Es ist direkt an unserer Straße.
Bisher dachte ich immer: ‚Bis hierher wird wohl nichts kommen'. Aber inzwischen scheint das Grundwasser schon so weit angestiegen zu sein. Inzwischen gibt es noch einige Häuser und Geschäfte in meiner Gegend, aus denen Wasser ausgepumpt wird oder die sich Sandsäcke vor die Türen stapeln. Das halte ich jedoch wirklich für Hysterie.
Ich schaffe also meine Photos weg und kaufe mir endlich ein Album für meine Urlaubsbilder. So ein richtig großes, wo auch wirklich alle vier Filme reinpassen.

Gleich um die Ecke werden Sandsäcke gefüllt und gestapelt. Ich schaffe also meine Einkäufe nach Hause und gehe wieder dorthin zurück.

10:00 Uhr, Pegelstand 9,13m

Bisher sind noch nicht so viele Leute hier. ‚Ein Glück' denke ich mir, ‚da komme ich heute wenigstens mal dazu, etwas zu tun.' Also reihe ich mich ein. Ich binde Sandsäcke zu und werfe sie weiter. Wir unterhalten uns und machen Witze. Es geht darum, wie man am besten eine Sandsack-weiterwerf-Reihe bildet. Außerdem schimpfen wir über die Leute mit den Schaufeln, die die Säcke ständig zu voll machen.

Das geht ungefähr 5 Minuten so - bis mein Telefon klingelt.

Ich trete also aus der Reihe raus und gehe ans Telefon.
"Hallo Tina, ich wollte nur mal hören. ob bei dir noch alles in Ordnung ist und wo der Pegel zur Zeit steht." Ich bestätige also brav, dass es mir gut geht und ich artig beim Sandsäcke füllen helfe. Und gebe den neusten Pegelstand durch.
Dann lege ich wieder auf und kann den Gedanken nicht aufhalten, dass so eine Katastrophe auch gute Seiten hat. Es rufen Leute an, die sich seit Ewigkeiten nicht mehr gemeldet haben.

Ich versuche mich wieder einzureihen. Das scheitert allerdings gerade, weil zwar genug Material da ist, aber niemand, der Sandsäcke aufladen will. Also mache ich eine Pause und suche mir was zu trinken.
Als es weiter geht, stehe ich natürlich wieder in der Reihe. Es werden Sandsäcke geworfen - sie sind schon wieder zu schwer. Wir flachsen, ob sich die Leute mit den Schaufeln jetzt mal in die Reihe stellen könnten. Nach einer Weile kommt ein Typ mit einem großen Blech Bäckerkuchen vorbei. Er meint, er hätte den Bäcker leer gekauft und fühlt sich sicher ganz toll.
Zugegebenermaßen war das ja auch eine gute Idee. Und sächsischer Bäckerkuchen schmeckt ja auch ausgezeichnet. Er wird also als Held gefeiert und wir werfen weiter. Zumindest so gut es mit einem Stück Kuchen in der Hand eben geht.

Fünf Minuten später ... das Telefon klingelt.

Ich trete aus der Reihe und nehme das Gespräch an. Es sind Freunde, die keinen Strom mehr zu Hause haben. Sie fragen ob sie bei mir übernachten können. Kein Problem, sage ich, ich will ja eh übers Wochenende wegfahren. Wir verabreden uns also und ich lege auf.

Ich habe ein wirklich gutes Gefühl. Ich bin der Held im Hochwasserchaos.
Ich räume Kellerwohnungen, fülle und werfe Sandsäcke und ich gebe sogar Obdach.

Als ich mich wieder einmal versuche einzureihen, finde ich keinen Platz mehr. Das passiert mir dann noch einige Male - bis ich endlich mein Handy ausschalte - aber nachdem nun wieder mehrere Hundert Leute auf dem Platz rumwuseln, wird es mir zu viel. Es ist wie im Ameisenhaufen. Jeder will gern irgendwo mit anpacken und nur wer sich durchsetzt, kriegt die Chance dazu.
Als ich am Abend in das "Flucht-Auto" eines Freundes einsteige, bin ich froh, dass ich dem Chaos entkommen kann. Ich bin inzwischen so sarkastisch geworden, dass ich es selbst kaum noch ertragen kann. Ich mache Witze über Sandsackfüller, die S-Kurven bilden, dass auch ja jeder mal mit anpacken kann und erzähle von Brücken, die hinter uns zusammenbrechen, nachdem wir mit Turboboost drübergesprungen sind.

Leider kann ich jetzt aber auch nicht mehr wirklich verfolgen, was genau in Dresden passiert. Ich hatte ja schon festgestellt, dass Fernseh- und Radiomeldungen selten wirklich aktuell sind.

Montag, 20.08.02

Es ist 12:00 Uhr und ich bin zurück zuhause. Ich habe noch immer warmes Wasser und natürlich Strom. Nachdem der Pegel am Samstag bei 9,40 m stand, ist er inzwischen merklich zurückgegangen.

Inzwischen bin ich gelangweilt, wenn jemand mit mir über die Flut sprechen will. Ich kann es nicht mehr hören und würde es am liebsten aus meinem Kopf verbannen. Was natürlich nicht so einfach ist.

Ein paar Tage später muß ich in den Stadtteil Laubegast. Dort hat das Wasser ja ganz schön zugeschlagen. Ich fahre mit dem Auto dorthin. Wie das im Sommer so üblich ist, habe ich das Fenster heruntergekurbelt - es ist ziemlich warm. Doch als ich in die Region komme, die mit Wasser überschwemmt war, merke ich dass es nicht auszuhalten ist.
Es stinkt entsetzlich. Vor jedem Haus stehen Berge von Sperrmüll. Ganze Wohnzimmer, Küchen- und Schlafzimmereinrichtungen. Ja sogar alle Türen und Türrahmen müssen ausgebaut werden, die nass geworden sind. Sie würden sonst aufquellen.
Auch wenn das Wasser nur ca. 1/6 der Stadt wirklich überschwemmt hat - und nicht 5/6 wie beispielsweise in Grimma - der Schaden ist unbegreiflich.

Was habe ich also durch das Hochwasser gelernt?

· Dresden ist eine schöne Stadt, aber eine neue Wohnung wird sicher nicht direkt an der Elbe liegen.

· Der Mensch ist nicht allmächtig, die Natur kann uns durch jede Rechnung noch einen Strich machen. Auch wenn Deutschland beim Klimaschutz bei weitem nicht so schlecht abschneidet, wie die USA, darauf sollten wir uns nichts einbilden.

· Traue Presse, TV und CO. nicht uneingeschränkt!!

· Kurz vor der Wahl sollte das Wetter nicht solche Kapriolen schlagen.

Als Beispiel ein Vergleich der Berichterstattung.

Folgendes Bild stammt aus der BLÖD-Zeitung!!!

Das Orginalfoto habe ich bei einer der drei großen Wochenzeitungen gesehen:

Ja: Die Flut war schlimm und sie hat die Arbeit von vielen Tausend Menschen zunichte gemacht. Nicht nur die Arbeit der letzten 12 Jahre, wie der Kanzler und auch unser Ministerpräsident ständig behaupten. Die Leute hier haben auch schon vor dem Mauerfall an ihren Existenzen gebaut. Sie haben jede kleine Ostmark beiseite gelegt, die sie übrig hatten und Häuser gebaut.
Alles das ist hin. Aber ich weiß auch, dass die Leute, die während der DDR-Zeit gekämpft und geackert haben, weiter ackern werden. Sie werden noch einmal anfangen und jeden Cent sparen, um ihr Hab und Gut wieder aufzubauen. Wahrscheinlich wird wohl auch nicht viel von dem Geld, was die Regierung versprochen hat, bei denen ankommen, die es brauchen. Entweder können sie nichts bekommen, weil sie im Jahr 2000 zu viel verdient haben (was wohl nicht sehr viele sein werden) oder sie werden nichts bekommen, weil sie vielleicht aus Scham gar nicht erst den Weg machen, um die Hilfen zu beantragen. Und der Bund wird wohl die 30 Millionen bezahlen, um den Landtag - in dem sowieso fast nie einer sitzt, und wenn doch, geht´s zu wie im Kindergarten - wieder aufzubauen.

Es ist schlimm, was diese Flut angerichtet hat, aber ich finde es noch viel schlimmer, wie so eine Katastrophe zum Großereignis und Wahlkampfthema wächst. Ich bin traurig über das was passiert ist und ich bin sarkastisch, weil ich damit nur schwer umgehen kann.