Regen

Es regnete und regnete. Eigentlich liebte ich solch ein Wetter, solange es sich in Grenzen hielt. Aber heute passte es mir gerade überhaupt nicht. Vor allem weil es meine missmutige Stimmung widerspiegelte. Als ich so in der Küche in meinem eher unbequemen Sessel lehnte und gleichzeitig gedankenverloren immerzu meinen Kaffee umrührte, der schon lange eiskalt sein musste, und trübselig aus dem nass-gespritztem Fenster starrte, da wurde mir plötzlich bewusst, wie sehr ich sie vermisste.

Und dann ertönte von meinem Computer auch noch "Yesterday" von den Beatles. Das konnte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen!

Und so beschloss ich, trotz des mir heute grausam erscheinenden Wetters einen Spaziergang zu machen. Was sollte ich auch sonst machen? Irgendwie musste ich mich ablenken und auf andere Gedanken kommen.

Ich erhob mich langsam aus dem Sessel, nahm meinen Kaffee und schüttete in weg. Kalter Kaffee, wie furchtbar!

Dann begab ich mich ins Wohnzimmer, und erblickte auf dem kleinen, abgegriffenen Kästchen neben meiner Couch ein Foto von Sonja...und musste mich wegdrehen. Es tat so weh. In mir stieg wieder das Gefühl einer unendlichen Leere auf, die drohte, mich komplett zu verschlucken. Tränen traten mir in die Augen und für einen Moment konnte ich nicht mehr atmen. Es war, als würde ein unsichtbares Gewicht auf meiner Brust liegen und mich erdrücken. Ich fiel auf die Knie und schnappte nach Luft.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Als ich endlich wieder klar sehen konnte und mich einigermaßen unter Kontrolle hatte, zog ich mich langsam an der Couch hoch und klappte das Bild um. Nichts, absolut gar nichts sollte mich mehr an sie erinnern! Und noch während ich so dastand, hatte ich bereits beschlossen, dass doch nichts aus dem geplanten Spaziergang werden würde. Da würde ich nur auf dumme Gedanken kommen. Ich brauchte unbedingt wen zum Reden.

Nach einigem Suchen wurde ich fündig: mein Handy. Irgendwer musste doch Zeit haben!

Und so wählte ich mich durch mein ohnehin nicht langes Verzeichnis, aber die einzige, und letzte mit der ich reden wollte, war meine Ex-Freundin.

Sollte ich, oder vielleicht doch nicht?

Du Feigling, ruf sie doch an, was soll den schon passieren?

Aber was, wenn sie sich unbedingt mit mir treffen will?

Dann hast du eben keine Zeit dafür, du wolltest dich nur kurz melden!

Ach, ich weiß nicht...vielleicht sollte ich doch spazieren gehen...

Du wolltest mit jemandem reden...und sie ist nicht gut genug dafür?

Schluss! Es reicht!

Das Wortgefecht in meinem Inneren verstummte sofort. Aber es stimmte: ich war einfach zu feig, sie anzurufen.

Und in diesem Augenblick klingelte mein Handy: es war meine Ex!

Unschlüssig starrte ich auf das Display, als ob ich mein Handy damit zum Schweigen bringen wollte. Dann kam mir eine Idee: Ich beugte mich vor und drehte die Musik am PC auf volle Lautstärke. Dann hob ich ab. Am anderen Ende der Leitung blieb es für einen Moment ruhig - oder ich hörte durch die laute Musik nichts.

Dann vernahm ich Tina's Stimme, die irgendwas ins Telefon brüllte.

"Oh hallo Tina! Du tut mir Leid, ich bin gerade eingeladen, und die Musik hier ist so laut, dass ich dich kaum verstehe!"

"Ich wollte nur mal schauen, wie es dir so geht...an so einem Tag...?"

Plötzlich war alles ruhig. Rundherum herrschte Stille - oder aber ich nahm nur nichts mehr war. Nur Tinas Stimme drang zu mir durch.

"Ich...ich wollte eigentlich nicht stören, ich dachte, vielleicht brauchst du wen zum reden, oder so?"

Und plötzlich war alles wieder da...die Tränen, das erstickende Gefühl, die Leere. Ich ließ mich auf die Couch sinken und suchte nach einer Antwort.

"Ich...ich ...kann nicht...", brachte ich mit Mühe hervor.

"Aber Süße...warum redest du mit niemandem? Wir sind doch alle für dich da! Gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit..."

Ich begann zu schluchzen. "Bitte, erzähle mir, dass das alles nur ein Traum war...nur ein böser Traum!"

"Ach mein Schatz, es tut mir so Leid..."

"Ich bin nicht...dein Schatz!!!" Wütend stieß ich die letzten Worte heraus, "Ich liebe Sonja und sonst niemanden!" Mehr als ein Schluchzen brachte ich nicht zusammen.

Stille. Dann flüsterte Tina: "Jessy,...sie ist...tot. Gestern bei dem Regen...."

Ich begann zu schreien. Ich schrie, so laut ich konnte. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Alles um mich herum wurde schwarz und von irgendwoher drang ich eine Stimme an mein Ohr aber ich brüllte einfach weiter.

Und dann wachte ich auf...im Bett sitzend und schweißgebadet. Neben mir saß Sonja, hielt mich im Arm und redete beruhigend auf mich ein und erst jetzt merkte ich, dass ich total heiser war.

"Was...was ist...passiert?" keuchte ich fast lautlos.

Doch es bedurfte keiner Antwort. Sonja saß einfach schweigend da und hielt mich fest.

Hinter mir trommelten dicke Regentropfen an das geschlossene Fenster.

July