Wintertage |
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Als ich sie vor drei Jahren kennen gelernt hatte, schlug sie in mein Leben und in mein Herz ein wie eine Bombe. Mit dem ersten Blick hatte sie mich um den Verstand gebracht. Bis zu jenem Tag habe ich nicht an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, doch sie belehrte mich eines Besseren. In jenem Jahr hab ich jede erdenkliche Möglichkeit genutzt, um in ihrer Nähe zu sein. Ich durfte ihr nicht sagen was ich fühlte, da unser Verhältnis rein beruflich war. Es durfte also nicht sein. Und dennoch ertappte ich mich immer wieder dabei, sie länger anzuschauen und mich möglichst in ihrer Nähe aufzuhalten. Und als das Jahr in der Einrichtung zu Ende ging und ich gehen musste, wurde es für mich noch schlimmer, denn ich konnte sie von nun an nicht mehr jeden Tag sehen. Kurze zeit später verabredete ich mich mit meiner Freundin Heike in der Stadt. Wir wollten, gemeinsam mit ihrer Clique, das anstehende Schützenfest der Stadt feiern. Wir haben uns an dem Abend gut unterhalten, hatten viel Spaß. Am „Weißen Haus“ war es voll, aber es gab gute Musik und gutes Bier. Nach einiger Zeit zogen wir weiter, um den Rest der Clique zu treffen. Man trifft auf solchen Festen viele alte Bekannte. Heike beschwerte sich: „Nun komm endlich. Ich möchte dich einigen Leuten vorstellen“ und zog mich weiter. Es war voll und sie fing an mir sämtliche Namen aufzuzählen und ich versuchte mir die passenden Gesichter dazu zu merken. „Das ist Andy, Thorsten, Claudia, Kaui, Andrea, Karsten und…ähm…“ „Katrin“ ergänzte ich. Sie gehörte also zu der Clique. Ich erklärte Heike kurz, wer Katrin war und ging sie begrüßen. Sie war ruhig und etwas distanziert – wie immer, aber auch genauso freundlich. Als ich wieder zu Heike zurückging, empfing sie mich mit einem breiten Grinsen „Hast ja wirklich nen guten Geschmack“. Ich hoffte, dass niemand mein rotangelaufenes Gesicht sah und sagte nur: „Aber es ist sinnlos.“ Ich verhielt mich also weiterhin ganz „normal“. Ich redete, lachte, trank und sang mit den Leuten, die ich eben kennen gelernt hatte und mit Katrin. An diesem Abend sah ich Katrin zum letzten Mal. Die Einladungen, bei denen sie auch hätte sein können, sagte ich alle ab. Klar, war es immer schön in ihrer Nähe zu sein, aber es tat auch weh, zu wissen, dass man sein Ziel nie erreichen würde. In dem darauf folgenden Jahr veränderte ich mein Leben. Ich war mit meiner Arbeitslosigkeit und mir selber unzufrieden. Also beschloss ich etwas daran zu tun. Ich besuchte verschiedene Kurse und Fortbildungen, um mich in meinem Beruf weiter zu bilden und weiter zu qualifizieren. Ich ging zum Aquarobic, walken und lernte Gitarre zu spielen. Zudem erfüllte ich mir meinen Traum und zog ins Sauerland. Mitten im Grünen umgeben von Wäldern und Wiesen, fand ich eine Wohnung auf einem Bauernhof. Dort arbeitete ich als Tagesmutter, half bei den Arbeiten auf dem Feld und bei den Tieren und erlernte so nebenbei noch das Reiten. Es war zwar eine anstrengende, aber tolle Zeit. Ich lernte schnell viele nette Leute kennen und hatte Neuss, bis auf meine Eltern und Geschwister, schnell vergessen. Bis zu jenem Tag im Winter. Es war Freitagabend und ich war dieses Wochenende allein auf dem Hof. Nur früh morgens und abends kam jemand, der die Kühe versorgte, um die Pferde wollte ich mich kümmern. Ich war unten im Pferdestall und hörte, wie ein Auto auf den Hof hochfuhr. In der Regel parkten die Pferdebesitzer ihre Autos oben und kamen dann runter in den Stall. Aber es kam niemand und als ich nachschauen ging, war auch kein Auto mehr da. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Als ich die Pferde versorgt hatte, war es bereits dunkel und ich ging hinauf in meine Wohnung. An meiner Tür hing ein Zettel auf dem stand „Du warst nicht da. Komme nachher wieder“. Es war also doch jemand hier gewesen. Ich hatte mich nicht geirrt. Die Dusche tat gut. Das warme Wasser wärmte mich auf, spülte den Dreck aus meinen Haaren und von meiner Haut und hinterließ einen angenehmen Duft. Ich kuschelte mich in mein Handtuch und machte mir das Feuer im Kamin an. Ich freute mich auf einen ruhigen Abend mit einem Glas Wein und einem guten Buch. Nach dem Eincremen und Fönen packte ich mich in meinen Pyjama, dicke Wollsocken und meinen Bademantel ein. Die Kerzen und der Kamin tauchten dem Raum in ein warmes, romantisches Licht. Die Schneeflocken, die am Fenster vorbeitanzten, glitzerten wie viele kleine Diamanten. Ich stand am Fenster und schaute der Katze draußen zu, wie sie mit den Schneeflocken spielte und träumte vor mich hin, als es an der Tür klopfte. Ich fragte mich, wer das sein könnte, doch dann fiel mir der Zettel wieder ein. Ich ging zur Türe und fragte, wer da sei. „Ich bin`s“, antwortete eine Frauenstimme. Die Frau vor der Tür hatte den Kopf gesenkt als ich öffnete. Ich sah eine Frau mit kurzen dunkelblonden Haaren in einem schwarzen Mantel, einem roten Schal und Winterstiefeln. Als sie aufschaute sah ich in zwei blaue Augen. Es war Katrin. Ich war etwas irritiert und verwundert. War mir nicht sicher, ob sie wirklich grad vor meiner Tür stand, oder ob ich sie mir nur einbildete. Aber warum sollte ich sie mir einbilden – ich hatte sie schließlich aus meinen Gedanken gestrichen und wollte sie nie wieder sehen. Nicht weil ich sie hasste – nein. „Hallo“ unterbrach sie meine Gedanken „darf ich rein kommen?“ Erst jetzt bemerkte ich die Kälte auf meinem Gesicht. Der Schnee hatte sich bereits wie ein feines Tuch über ihre Haare gelegt. „Ja natürlich. Komm rein“ sagte ich und machte ihr die Türe weiter auf, sodass sie eintreten konnte. Sie hatte von der Kälte schon ein rötliches Gesicht. Sie lächelte. Sie zog ihren Mantel und ihre Stiefel aus und folgte mir ins Wohnzimmer. Ich war immer noch etwas überrascht davon, dass sie plötzlich hier war und bekam daher nicht recht einen Ton raus, aber ich freute mich mindestens genauso sehr sie wieder zu sehen. „Schön hast du es hier“ hörte ich sie sagen. Und damit begann eine lange Nacht. Wir tranken Tee, saßen am Kamin und redeten bis tief in die Nacht über alte Zeiten. Sie erzählte von den Kollegen, von den Veränderungen, die vorgenommen worden waren und von den Festen, auf denen man wohl mit mir gerechnet hatte. Ich erzählte ihr von den Kindern, von der Landschaft und meinem Leben auf dem Hof. Wir erzählten, lachten, diskutierten so, als hätten wir zwei Jahre nachzuholen. Ich glaube, wir haben in dem ganzen Jahr, in dem wir zusammen gearbeitet haben, nicht so viel gelacht und geredet wie an diesem Abend. Sie strahlte und ihre Augen leuchteten im Schein der Kerzen – sie war immer noch wunderschön. Ihre Augen, ihre Nase, ihr Mund und vor allem ihre Hände. Sie übernachtete im Arbeitszimmer auf der Schlafcouch. Als ich am nächsten Morgen aufstand, war sie weg. Kein Zettel, nix. Ich ging verwundert ins Bad, putzte mir die Zähne und ging duschen. Als ich mich grade abtrocknete, ging die Türe auf und sie stand wieder da, lächelte mich verschämt aber bestimmt an und sagte: „Guten Morgen. Ich habe Brötchen geholt.“ Als ich in die Küche kam, duftete es nach frischem Kaffee. Der Tisch war gedeckt mit allem was das Herz am Morgen begehren könnte. Ich setzte mich verwundert und ebenso erfreut an den Tisch. Ich wusste nicht worüber ich mich mehr freute: über dieses Frühstück oder darüber, dass sie doch nicht gegangen war ohne sich zu verabschieden. „Kaffee?“ fragte sie und ich nickte nur. Sie stand ganz nah bei mir, ich konnte sie riechen. Sie tat mir Zucker und Milch in den Kaffee – sie wusste also noch wie ich ihn trinke. Sie setzte sich mir gegenüber und begann sich ein Brötchen zu schmieren. „Es ist schön dich wieder zu sehen. Wieso hast du dich nie gemeldet oder wenigstens gesagt wo du steckst?“ Ich wusste nicht was ich antworten sollte. „Bleibst du noch ein paar Tage?“ fragte ich dann. „Wenn ich darf, sehr gerne“. Wir lächelten uns an und begannen das Wochenende zu planen. Ich zog mich an und ging runter in den Pferdestall um die Pferde zu füttern und auf die Weide zu lassen. Katrin fuhr während dessen ins Dorf hinunter zum Einkaufen. Als ich grade dabei war die Boxen zu reinigen, kam Katrin rein. „Hmm. Hier riecht es richtig klasse. Nach Heu und Pferd. So wie man es sich vorstellt. Kann ich dir helfen?“ „Klar, du kannst die Gasse fegen“, lachte ich sie an und drückte ihr einen Besen in die Hand. Nach getaner Arbeit setzten wir uns ins Reiterstübchen, um uns kurz aufzuwärmen und die Pferde zu beobachten. Die Sonne schien heute und so beschlossen wir einen ausgedehnten Spaziergang durch die weißen Wälder zu machen. Der Schnee knirschte unter jedem unserer Schritte. Sally, der Hund, genoss es frei durch die hoch verschneiten Wiesen zu springen und forderte uns immer wieder auf Stöcke zu werfen oder Schnee hoch zu treten. Wir lachten viel und tobten mit dem Hund. Zuerst warfen wir Schneebälle für Sally, aber daraus wurde eine wilde Schneeballschlacht für Katrin und mich. Wir warfen, lachten, balgten und alberten so lange herum bis wir beide erschöpft aber glücklich nebeneinander im Schnee lagen. Als wir uns auf den Weg nach Hause machten war es schon fast dunkel. Daheim angekommen versorgten wir schnell die Pferde und freuten uns dann auf die warme Wohnung und eine heiße Dusche. Das Telefon klingelte und eine Freundin fragte, ob wir nicht Lust hätten, mit auf den Weihnachtsmarkt zu fahren, und da wir noch nicht müde waren, machten wir uns auf den Weg. Wir schlenderten durch die Gassen, schauten uns jeden Stand an, tranken Glühwein und erzählten viel. Auf dem Rückweg wollten Katrin und ich eigentlich nur kurz auf dem „Köllschen Abend“ in der Schützenhalle vorbei schauen. Daraus wurden jedoch vier Stunden. Wir tanzten und sangen den ganzen Abend durch. Da wir auch, vielleicht zu viel, getrunken hatten, kamen wir uns immer näher. Wir tanzten gemeinsam und hielten uns im Arm. Ich spürte wieder dieses Kribbeln im Bauch. Um zwei Uhr machten wir uns auf den Weg nach Hause – zu Fuß, denn wir waren beide viel zu angetrunken, als dass noch jemand hätte fahren können. Die Kälte der Nacht zog in jede Pore und es hatte wieder begonnen zu schneien, sodass wir tief versunken in unseren Mänteln, die Arme untergehakt, nach Hause gingen. Daheim wärmten wir uns bei einer Tasse Tee am Kamin auf. Als wir aufstanden um zu Bett zu gehen, blieb Katrin dicht vor mir stehen. Sie sagte: „Danke“, gab mir einen Kuss auf die Wange und ging schlafen. Am nächsten Morgen, beim Frühstück, beschlossen wir einen Winterausritt zu machen. Wir sattelten die Pferde, packten Proviant in unsere Rucksäcke und ritten los. Es war kalt, nicht so sonnig, wie am Tag zuvor. Die Pferde stapften durch den Schnee. Alles war ruhig um uns. Im Wald konnte man die Rehe beobachten, die Heu aus einer Krippe fraßen. Oben an der Hütte angekommen, aßen wir unsere Waffeln und tranken unseren heißen Tee, der uns wieder auftauen ließ. Von hier oben hatten wir einen herrlichen Blick auf den verschneiten Ort. „Wieso bist du damals verschwunden, ohne etwas zu sagen?“ fragte sie plötzlich und schaute mich neugierig und traurig zugleich an. Ich war verdutzt, schaute in die Ferne und hoffte, dass sie mein rotanlaufendes Gesicht nicht erkannte. „Ich…ich konnte nicht bleiben. Ich war damals ziemlich verliebt – unglücklich verliebt.“ begann ich vorsichtig. „Diese Person war alles für mich. Ich hätte alles für sie getan, aber sie wollte nichts von mir wissen. Keinen Kontakt zu mir und das zerriss mir das Herz. Also musste ich fort, fort von ihr, fort aus dieser Stadt. Ich musste neu anfangen.“ „Wieso hast du ihr nie gesagt, dass du sie liebst?“ fragte Katrin. Woher wusste sie, dass es um eine Frau ging und woher wusste sie, dass ich es ihr nie gesagt hatte? „Ich wollte sie nie vor den Kopf stoßen. Ich hatte Angst, sie dadurch auch als gute Bekannte zu verlieren und so bin lieber zwei Schritte zurückgegangen.“ „Aber was ist, wenn sie dich auch toll fand oder sogar in dich verliebt war?“ Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen und sagte: “Da bin ich mir ziemlich sicher, dass es nicht so war. Sie steht nicht auf Frauen und außerdem war sie dafür viel zu distanziert.“ „Vielleicht hatte sie aber auch nur Angst. Vielleicht war es auch für sie ungewohnt, eine Frau zu lieben?!“ erwiderte Katrin. „Ich wünschte es wäre so.“ sagte ich „aber – nein – ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich geliebt hat.“ Wir tranken unseren Tee zu Ende, packten unsere Sachen wieder ein und machten uns auf den Weg nach Hause. Nachdem ich die Pferde versorgt hatte, ging ich hinauf in meine Wohnung. Auf dem Tisch lag ein Zettel, auf dem stand „Doch, ich habe dich geliebt“.
Tigerente |