Teil 8

Liebe Margit,
Jetzt hat sich auch bei uns endlich die Sonne eingefunden. Schon gestern war ein strahlend blauer Himmel, kaum Wind und angenehme 21 Grad. So kann es von mir aus den ganzen restlichen Sommer bleiben. Gestern nachmittag haben wir erstmal eine ausgiebige Fahrradtour zur Weser und auf dem Deich entlang gemacht. Anschließend hatte ich allerdings einen Pavianpopo (oder zumindest fühlte er sich so an), so lange Strecken bin ich halt doch nicht gewohnt. Aber es war sehr schön. Am Samstag haben wir zwar auch den ganzen Tag draußen gesessen (Resteessen und -trinken bei unseren Nachbarn) aber es schwebten immer dunkle Wolken über unseren Häuptern, die sich dann nachmittags ab 17 Uhr auch entladen haben. Aber auch heute ist es schön, ein paar mehr Wolken als gestern, aber wärmer.
Zu deiner mail von gestern: Lade dir mal den Napster unter http://www.napster.de herunter, du kannst dich dort unbesorgt registrieren lassen (kostet nichts) und dir fast jegliche Musik herunterladen. Da ist dann auch ein Player (allerdings nur für den Napster) dabei. Ansonsten empfehle ich dir den mp3-player von winamp, den kannst du dir zum Beispiel unter http://www.radiogong.de herunterladen, damit kannst du dann auch beim Surfen Radio hören. Tut mir leid, daß du auch schon so schlechte Erfahrung mit einer Beziehung gemacht hast. Es ist dann schon wichtig, hinterher darüber mit jemandem, dem man auch vertraut, zu sprechen. Aber ich habe gut reden, ich fresse auch lieber alles in mich hinein, anstatt mit jemandem darüber zu sprechen. Es fällt mir sowieso nicht leicht, mit jemandem über mich selber zu reden. Du scheinst da eine Ausnahme zu sein, aber ich glaube, es ist auch einfacher zu schreiben, als zu reden.
Hattest du auch schon einmal eine Beziehung zu einem Mann? Und seit wann weißt du, daß du lesbisch bist? Wie kommt man dahinter? Du brauchst natürlich nicht darauf zu antworten, wenn es dir unangenehm ist. Homosexuelle Männer habe ich schon mehrfach kennengelernt, und bis auf eine Ausnahme waren es auch mit die nettesten Männer, die ich bisher kennengelernt habe. Von einer Kusine von mir, die etwa 20 km entfernt wohnt, hat sich der Mann nach ca. vierjähriger Ehe geoutet, und das ausgerechnet zu Weihnachten, er ist dann auch sofort zu seinem Freund gezogen und hat meine Kusine und seinen zweijährigen Sohn sitzengelassen und sich auch später kaum darum gekümmert. Er ist dann aber anscheinend mit seinem Leben nicht zurechtgekommen und hat sich vor ca. acht Jahren das Leben genommen. Das war die Ausnahme von den anderen Männern, ich mochte ihn allerdings auch schon vor seinem Outing nicht besonders.
Eine andere Kusine von mir, die in Braunschweig wohnt, hat das gleiche erlebt, sie hat aber noch ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Exmann und er kümmert sich auch rührend um seinen Sohn.
Bei der Zeitung, wo ich gearbeitet habe, waren auch mehrere schwule Redakteure, aber allesamt sehr nett. Außerdem hat der Mann von einem gut mit uns befreundeten Ehepaar einen schwulen Bruder, auch sehr, sehr nett. Mit lesbischen Frauen habe ich allerdings überhaupt keine Erfahrung, die einzige, die ich "kenne" ist Hella von Sinnen. Und in der Spedition, wo ich früher gearbeitet habe, hat mal aushilfsweise ein lesbisches Pärchen gearbeitet, aber die waren nicht sehr sympathisch, ziemlich schmuddelig und immer knutschend auf den Fluren, die waren nicht sehr lange bei uns.
Wie kommen denn eure Familien damit klar? Und müßt ihr euch wirklich überall "vorsehen"? Weiß auch bei dir in der Firma keiner Bescheid? Arbeitest du schon lange dort und was machst du da genau? Fragen über Fragen, da kann ich ja nur auf eine schöne lange mail hoffen.
Bei der Zeitung habe ich im Redaktionssekretariat gearbeitet, wir haben dort hauptsächlich Honorarabrechnungen für freie Mitarbeiter gemacht, ich habe oft Artikel, die mir die Redakteure diktiert haben, direkt in die Maschine geschrieben. Sooo stressig war es eigentlich nicht, bis auf einige Ausnahmen, das meiste spielte sich doch direkt in den Redaktionen ab, aber man war immer auf dem Laufenden, wenn mal etwas passiert war und hat auch oft Eintrittskarten, die in der Redaktion übrig waren, umsonst bekommen. Insgesamt hatte ich dort eigentlich einen ziemlich ruhigen Job.
So, für heute wärs das, gleich gehts ans Küche-ausräumen, damit meine Männer morgen loslegen können, ich werde mich dann in den Garten verziehen. Liebe Grüße an dich und viel Spaß beim Musikhören
Daggi

Hi Margit,
wir haben gerade 7 große Eimer mit Wasser aus dem Keller heraufgeschleppt. Wir hatten ein ordentliches Gewitter und innerhalb von einer halben Stunde sind fast 50 l Regen pro qm heruntergekommen.
In den Nachrichten habe ich gesehen, daß in eurer Gegend auch schlimme Unwetter waren. Ich hoffe, ihr seid davon verschont geblieben und euer Haus ist wieder richtig dicht.
Das war nur ein kurzer Zwischenbericht. Die Küche ist gestrichen und morgen gehts ans saubermachen und einräumen.
Liebe Grüße von Daggi

Liebe Daggi,
schöner Mist mit eurem Keller. Hoffentlich ist nix zu Schaden gekommen. 50 l/qm sind schon fast ein Zehntel vom jährlichen Gesamtniederschlag in unseren Breiten, das kann ja nicht gut gehen. Zum Glück sind wir nicht betroffen gewesen, hier regnet es zwar, aber nur gemächlich, wie das diesen Sommer so üblich scheint. Trotz des wenig erfreulichen Anlasses hab´ ich mich wieder sehr über eine Nachricht von dir gefreut. Ich antworte auch auf deine vorige Mail, wahrscheinlich aber erst morgen. Ich dachte ja immer, Surfen und Chatten machen süchtig aber Mailen nach Norddeutschland gehört bei mir offensichtlich auch dazu ;-))
Viel Spaß in der renovierten Küche morgen, wenn dann erstmal alles wieder sauber und eingeräumt ist. Die "Nebenarbeiten" beim Renovieren sind ja immer wesentlich aufwändiger und nerviger als die eigentliche Aktion. Anstreichen macht dagegen richtig Spaß, finde ich.
Liebe Grüße von Margit

Hallo Daggi,
vielen Dank für deine Mail vom Montag. Ich fang mal an zu antworten, falls ich nicht fertig werde, folgt der Rest später. Als du geschrieben hast, war der Himmel noch blau bei euch, kein Unwetter abzusehen. So schnell kann´s gehen. Also wenn ich an unseren Keller denke und mir 7 Putzeimer Wasser darin vorstelle, ...Katastrophe, wegen der vielen Sachen die da noch lagern und auf Durchsicht und ggf. Entsorgung warten aber nicht unbedingt in den Keller gehören. Ist das bei euch auch so?
Wie geht es deiner Sitzfläche inzwischen? Ich liebe Radtouren und bin außer in Norddeutschland auch schon mal von Koblenz nach Strasbourg, von Würzbug nach Regensburg, von Tuttlingen an den Bodensee und durchs Altmühltag getourt. Damals hatte ich noch Kondition (und 20 kg weniger zu transportieren!) Habt ihr guten Kontakt zur Nachbarschaft? Resteessen klingt gut, so nach gemeinsam durchzechten Nächten... Wir kennen hier noch kaum jemanden, außer direkt nebenan die Familie, die sehr nett ist und mit der wir auf der Straße schon mal ein paar Worte wechseln.
Deine Internet-Tipps zur Musik werde ich die Tage mal in Ruhe ausprobieren. Habt ihr ISDN? Bei mir dauert das mit dem runterladen immer eine ziemliche Weile.
Ja ja, die Beziehungen. Das Problem bei mir damals war, zu dem Zeitpunkt wußte niemand darüber Bescheid, dass ich lesbisch bin, außer besagter Freundin, die sich von mir trennen musste. Da das mit Sicherheit kein geeigneter Zeitpunkt gewesen wäre, mich zu outen, bin ich mit meinen Problemen, trotz sehr liebem Freundeskreis, alleine geblieben. Wenn ich heutzutage mal wieder so drauf bin, mit diesbezüglichen Alpträumen und so, glaube ich, dass ich das Ganze nicht richtig verarbeitet habe. Im Nachhinein gesehen, wäre es sicher besser gewesen, jemanden einzuweihen. Aber ich bin auch nicht gerade mitteilsam und offen genug, auch wenn es emailmäßig zwischen uns zu meiner großen Verwunderung ganz anders aussieht, was du von deiner Seite ja auch schon festgestellt hast. Während ich so überlege, wie ich deine Fragen beantworten könnte, kommt mir allerdings der Gedanke, wie sicher diese Emailerei wohl ist, ich meine, ob und wer eventuell unseren Schriftwechsel mitlesen könnte. Nicht dass gmx oder sonst jemand im weltweiten Netz demnächst meine Memoiren veröffentlicht unter der Rubrik "Neues von Frau G. - bitte an den Arbeitgeber weitermelden" oder so :-)). Aber im Ernst, wie siehst du das oder welche Erfahrungen hast du bisher?
In Erwartung einer hoffentlich beruhigenden Antwort, damit ich getrost weitermailen kann, unterbreche ich jetzt mal, zwecks Essenkochen und Nahrungsaufnahme.
Viele liebe Grüße
Margit

Ohje, darüber hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht, dass unsere Mailerei "unsicher" sein könnte..... Aber wen sollte schon interessieren, was sich da zwei Frauen erzählen? Ich hab ihr dann schnell eine e-card geschickt, damit sie mir auch gaaaaanz schnell weiter mailt.....

Liebe Daggi,
schön, dass du so schnell geantwortet hast, ich war doch etwas beunruhigt, je mehr ich darüber nachgedacht hatte...
Also, wo waren wir noch gleich - genau, die Männer. Also, zu deiner ersten Frage: ja. Ein absolut liebenswerter Mensch namens Sebastian, den ich mit ca. 14 Jahren in der Kirchenjugendgruppe kennengelernt habe und mit etwa 18/19 Jahren wurde das dann auch ernster. Aber es hat sich alles nie so richtig angefühlt, weniger das Körperliche (was du vielleicht am ehesten vermuten würdest), sondern das gesamte Drumherum. Das ging dann ein paar Jahre so bis Mitte 20 und ich habe mehrmals Schluss gemacht, weil ich wußte, das ist es nicht und ich ihn nicht für eine sozusagen lohnendere Beziehung zu einem anderen Mädchen "blockieren" wollte. Aber er hat mich immer wieder bekniet (fast wörtlich) und wollte unbedingt mit mir zusammen sein, so dass sich unsere Beziehung also über einige Jahre hinzog. Über deine nächsten beiden Fragen musste ich noch mehr nachdenken. Ich habe sie mir selbst nie gestellt und auch noch nie eine Antwort darauf formuliert. Was würdest du sagen, wenn ich dich frage seit wann du weisst, dass du auf Männer stehst und wie du darauf gekommen bist? Es ist einfach so oder? Grübel, grübel....
Unangenehm ist es mir übrigens überhaupt nicht, zu antworten, ich weiss nicht warum, aber es tut mir gut, dass du mich danach fragst und dich dafür interessierst.
Ich versuche es mal so zu formulieren: Richtig interessant und verständlich finde ich eigentlich nur Frauen. Die Psyche, die Verhaltensweisen, die Probleme, alles ist viel nachvollziehbarer, als wenn ich mir über Männer Gedanken machen würde (was ich natürlich auch tue). Ich glaube, das ist schon so seit ich denken kann, bewusst ist es mir seit dem ersten Schuljahr.
Hinzu kommt zwischenzeitlich sicherlich auch (ist ja auch schon etwas her ;-)), dass mir die z.T. typisch männlichen Verhaltensweisen, wie großspuriges Gelaber und automatisches Einnehmen der Führungsrolle, unkritisches Selbstwertgefühl, Coolheit (gibt´s das Wort überhaupt?, aber du weisst vielleicht, was ich meine, so nach dem Motto, wir Männer haben alles im Griff, worüber die Weiber sich schon wieder den Kopf zerbrechen..), und in beruflicher Hinsicht: Frauen nicht zu Wort kommen lassen oder automatisch einen männlichen Ansprechpartner aus einer Gruppe wählen, auch wenn die anwesende Frau durchaus kompetent(er) ist, unerträglich sind. Da leide ich im Arbeitsalltag sehr darunter und das brauche ich in meinem Privatleben nicht auch noch. Natürlich gibt es auch sehr dominante Frauen, das will ich jetzt nicht idealisieren, genau, wie selbstverständlich auch nicht alle Männer wie oben geschildert auftreten, aber die Chancen für ein gleichberechtigtes Miteinander sehe ich zwischen zwei Frauen eher gegeben. Du bist nicht automatisch in der Rolle, den Haushalt managen zu müssen, für´s Essen zu sorgen, deine beruflichen oder freizeitmäßigen Pläne im Bedarfsfall zum Wohle des Ehemanns oder Freundes zurückstellen zu müssen, für Kinder zu sorgen usw. usw.
Ich mag einige Männer auch wirklich gerne und komme mit den anderen ebenfalls klar, aber ich kann diese den Frauen zugedachte Rolle, trotz gegenteiliger Sozialisation seit Kindesbeinen an, einfach nicht ausfüllen. Da ich nicht nur platonisch l(i)ebe, spielt natürlich auch die körperliche Anziehung, die Frauen auf mich haben können, eine Rolle, aber das ist genauso wie bei Heteros denke ich, die fallen ja auch nicht einfach übereinander her (war nicht ganz ernst gemeint, aber du verstehst, wie ich das meine?). Dieser Teil einer Beziehung ist zwar wichtig und sollte stimmig sein, ist aber nicht so ausschlaggebend, für mich jedenfalls. Ein großer Unterschied zu heterosexuellen Paaren ist wohl die Partnersuche, weil es eben nur wenig homosexuelle Menschen gibt und es deshalb ein noch größeres Glück ist, jemanden zu finden, zu dem man passt. Unter den sowieso schon wenigen homosexuellen Menschen gibt es dann wieder genauso viele verschiedene Mentalitäten und Charaktere, wie im "normalen" Durchschnitt der Bevölkerung und auch dort gibt es ja bereits einen Haufen Leute, mit denen man nicht so gut kann und die überhaupt nicht für eine Partnerschaft in Frage kämen oder?
Die weiteren Fragen aus deiner Mail (Familie, Arbeit) stelle ich noch mal zurück, ist mir sonst ein bißchen viel auf einmal. Ich komme aber darauf zurück. Frag auch bitte bitte nach, wenn ich mich irgendwie missverständlich ausgedrückt habe oder dich noch irgendwas genauer interessiert. Es ist etwas schwierig.
Dass du so viele Schwule im Bekannten-/Verwandtenkreis hast, finde ich erstaunlich. Ich habe eine schwulen Kollegen im Kreis, d.h. im Grunde kein richtiger direkter Arbeitskollege, sondern jemand, der den gleichen Job macht wie ich, aber in einer anderen Verwaltung. Mit ihm und seinem Freund treffen wir uns manchmal. Die beiden sind wirklich o.k. und wir haben einen guten Draht zueinander. Sie bekochen uns ab und zu (wirklich guuuut, wir wissen gar nicht, wie wir uns mal revanchieren sollen).
So, die Schlafenszeit naht, mein Bett (und nicht nur das) ruft. Sabine hat vorhin schon mit meinem Bruder telefonisch diskutiert, dass sie meine Computerzeit ab sofort, wie bei seinen Kindern auch, auf eine Stunde täglich begrenzen wird (kicher...), wegen der offensichtlichen Suchterscheinungen. Ich freue mich auf deine Antwort.
Schlaf schön!
Margit

Hi Daggi,
gerade fiel mir ein, dass du ja nicht mal die minimalen Angaben zu meiner Person hast, die ich über dich bei gmx erfahren habe. Als Ausgleich kennst du zwar inzwischen wesentliche Details aus meinem Leben, aber dennoch:
Hobbies: Gitarre, Lesen, Briefmarken, PC
Interessen: Dänemark, Musik, Botanik, Hunde, Pferde, Umweltschutz
Computer: PC mit Win 98
Persönliches: Geschlecht: w, Jahrgang: 1961, Haare: dunkelblond, Augen: braun, Größe: 153 cm (wobei die Größe schon etwas geschönt ist, die stammt aus meinem Personalausweis und damals dachte ich, ich wachse noch!)
Liebe Grüße
Margit

Fortsetzung folgt